Schon im Mit­tel­al­ter gin­gen Ban­kiers exis­tenz­ge­fähr­den­de Risi­ken ein, wenn sie der “öffent­li­chen Hand” – Königs­häu­sern, Kir­chen­fürs­ten und Stadt­re­pu­bli­ken – im Ver­trau­en auf deren Boni­tät groß­zü­gi­ge Kre­di­te ein­räum­ten. Einst­mals stol­ze Bank­häu­ser wie die Bar­dis oder Per­uz­zi muss­ten ihre Tore schlie­ßen, als der eng­li­sche König geruh­te mit­zu­tei­len, sei­ne Schul­den nicht zu beglei­chen. Der Dort­mun­der Han­se­kauf­mann Tide­mann Lem­berg, der Edu­ard III. gegen Pfand­rech­te an der eng­li­schen Woll­aus­fuhr Kre­dit gewähr­te, mach­te die­sel­be Erfah­rung. Und Jac­ques Coeur, Kauf­mann und Finan­cier Karls VII. von Frank­reich, wur­de von sei­nem könig­li­chen Schuld­ner kur­zer­hand ver­haf­tet und ent­eig­net – das kon­fis­zier­te Ver­mö­gen finan­zier­te den nächs­ten Feld­zug. Das Mus­ter war immer das­sel­be: Ein sou­ve­rä­ner Schuld­ner kennt kein Insol­venz­ver­fah­ren und kei­nen Gerichtsvollzieher.

Dati­ni: Der Gegenentwurf

Im Gegen­satz dazu ver­folg­te der tos­ka­ni­sche Kauf­mann und Ban­kier Fran­ces­co di Mar­co Dati­ni (1335–1410) eine weit­aus kon­ser­va­ti­ve­re Geschäfts- und Risi­ko­po­li­tik. Johan­nes Fried nann­te ihn “viel­leicht den berühm­tes­ten mit­tel­al­ter­li­chen Kauf­mann” – berühmt nicht durch spek­ta­ku­lä­re Geschäf­te mit gekrön­ten Häup­tern, son­dern durch metho­di­sche Dis­zi­plin und ein Archiv von über 150.000 Doku­men­ten, das bis heu­te im ehe­ma­li­gen Wohn­haus der Fami­lie Dati­ni in Pra­to auf­be­wahrt wird.

Dati­ni stamm­te aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen. Sein Vater Mar­co di Dati­no war Schank­wirt in Pra­to, die Fami­lie besaß etwas Land. Bei­de Eltern star­ben 1348 an der Pest. Der fünf­zehn­jäh­ri­ge Fran­ces­co zog 1350 nach Avi­gnon, dem dama­li­gen Sitz des Papst­tums, und begann als Händ­ler für Waf­fen, Email­ar­bei­ten und Tex­ti­li­en. Als wohl­ha­ben­der Mann kehr­te er 1382 nach Pra­to zurück und bau­te ein Netz von Han­dels­nie­der­las­sun­gen auf, das von Flo­renz über Pisa und Genua bis nach Bar­ce­lo­na, Valen­cia und Mal­lor­ca reichte.

Was Dati­ni von den gro­ßen Bank­häu­sern sei­ner Zeit unter­schied, war nicht die Reich­wei­te sei­nes Han­dels, son­dern die Archi­tek­tur sei­nes Risi­kos. Iris Ori­go schreibt in ihrem lesens­wer­ten Buch Im Namen Got­tes und des Geschäfts. Lebens­bild eines tos­ka­ni­schen Kauf­manns der Früh­re­nais­sance:

Mit sei­nen klei­nen Fir­men konn­te er sich, im Gegen­satz zu den gro­ßen, ganz aus der Poli­tik her­aus­hal­ten. Er gewähr­te weder Köni­gen noch Prä­la­ten Dar­le­hen, er betei­lig­te sich nie an der Finan­zie­rung von Krie­gen, nicht ein­mal in den Par­tei­en­ha­der sei­ner Hei­mat­stadt ließ er sich ver­stri­cken – und das war damals kei­ne leich­te Sache. Kre­dit gewähr­te er nur Kauf­leu­ten, die eben­so soli­de waren wie er selbst, und Fir­men, die ähn­lich orga­ni­siert waren wie sei­ne eige­nen. Auf die­se Wei­se erreich­te er Zeit sei­nes Lebens zwar nie die Bedeu­tung und das Anse­hen wie die Lei­ter der gro­ßen Fir­men sei­ner Zeit .. , aber er bekam dafür auch die Aus­wir­kun­gen poli­ti­scher und krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen nur inso­weit zu spü­ren, wie es für jeden Kauf­mann unver­meid­lich war.

Buch­füh­rung als Risikomanagement

Dati­nis Kon­ser­va­ti­vis­mus war kei­ne blo­ße Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, son­dern eine ratio­na­le Geschäfts­po­li­tik, die sich in sei­ner Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur nie­der­schlug. Die auf der ers­ten Sei­te sei­ner Haupt­bü­cher ver­merk­te For­mel “Im Namen Got­tes und des Geschäfts” (cho l nome di Dio e di ghua­d­a­g­no) war Pro­gramm: tran­szen­den­ta­le Rück­ver­si­che­rung und kauf­män­ni­sches Kal­kül in einer Zeile.

Jede sei­ner Nie­der­las­sun­gen führ­te eige­ne Bücher – Inven­tar­lis­ten, Quit­tun­gen, Fracht­brie­fe. Dazu kamen Immo­bi­li­en­re­gis­ter, Lohn­lis­ten und die zwölf Hand­lungs­bü­cher des Tuch­be­triebs in Pra­to. Dati­ni führ­te auch pri­vat Buch und hielt in einem Libro segre­to, einem gehei­men Buch, Part­ner­schafts­ver­trä­ge, Kapi­tal­stän­de und Bilan­zen fest. Das Recht des Kauf­manns, die­se Bücher der öffent­li­chen Prü­fung zu ent­zie­hen, war so fest ver­an­kert, dass es als Affront galt, als die Steu­er­be­am­ten der Kom­mu­ne Flo­renz 1401 Ein­sicht verlangten.

Die­se akri­bi­sche Buch­füh­rung war kein Selbst­zweck. Sie war das Instru­ment, mit dem Dati­ni Trans­pa­renz über sein eige­nes Risi­ko her­stell­te – eine Vor­form sys­te­ma­ti­schen Risi­ko­ma­nage­ments in einer Zeit, in der die meis­ten Kauf­leu­te auf Intui­ti­on und per­sön­li­che Netz­wer­ke vertrauten.

Stif­tung statt Dynastie

Da Dati­ni kei­ne legi­ti­men Erben hat­te, ver­mach­te er sein Ver­mö­gen von rund 70.000 Gul­den einer Stif­tung für die Armen sei­ner Hei­mat­stadt Pra­to – den Cep­po dei Poveri di Fran­ces­co di Mar­co. Die Stif­tung besteht bis heu­te, mehr als 600 Jah­re nach ihrer Grün­dung. Sein Palaz­zo beher­bergt das Dati­ni-Archiv, das zur Grund­la­ge eines der bedeu­tends­ten wirt­schafts­ge­schicht­li­chen For­schungs­in­sti­tu­te wur­de, des Isti­tu­to di sto­ria eco­no­mica “Fran­ces­co Dati­ni”.

Dati­nis Prin­zip lebt weiter

Noch heu­te fol­gen inha­ber­ge­führ­te Pri­vat­ban­ken die­sem Prin­zip: Kre­dit­ver­ga­be nur inner­halb des eige­nen Kom­pe­tenz­krei­ses, Distanz zur poli­ti­schen Macht, Ver­mei­dung von Klum­pen­ri­si­ken bei sou­ve­rä­nen Schuld­nern. Ähn­lich wie Dati­ni inves­tiert auch die Inves­to­ren-Legen­de War­ren Buf­fett nach eige­ner Aus­sa­ge nur in Unter­neh­men, deren Geschäfts­mo­dell und Pro­duk­te er versteht.

Die Par­al­le­le trägt, hat aller­dings auch eine Gren­ze: Buf­fett ope­riert in einem Rechts­rah­men mit durch­setz­ba­ren Eigen­tums­rech­ten und regu­lier­ten Kapi­tal­märk­ten. Dati­nis Leis­tung war inso­fern anspruchs­vol­ler, als er sei­ne kon­ser­va­ti­ve Linie in einem Umfeld durch­hielt, in dem poli­ti­scher Druck – Kriegs­fi­nan­zie­rung, Par­tei­en­loya­li­tät – erheb­lich war. Ori­gos Bemer­kung, das sei “damals kei­ne leich­te Sache” gewe­sen, ist fast ein Understatement.

Die Bar­dis, Per­uz­zi, Tide­mann Lem­berg und Jac­ques Coeur ste­hen für das eine Modell: maxi­ma­ler Ertrag durch Nähe zur Macht, um den Preis exis­ten­zi­el­ler Abhän­gig­keit. Fran­ces­co Dati­ni steht für das ande­re: ste­ti­ger Ertrag durch dis­zi­pli­nier­te Selbst­be­schrän­kung. Dass sein Name 600 Jah­re spä­ter noch bekannt ist – nicht wegen eines spek­ta­ku­lä­ren Auf­stiegs, son­dern wegen einer funk­tio­nie­ren­den Stif­tung und eines voll­stän­dig erhal­te­nen Archivs –, ist viel­leicht der stärks­te Beleg dafür, wel­ches Modell nach­hal­ti­ger war.

Ralf Keu­per


Iris Ori­go: Im Namen Got­tes und des Geschäfts. Lebens­bild eines tos­ka­ni­schen Kauf­manns der Früh­re­nais­sance, Fran­ces­co di Mar­co Dati­ni (1335–1410), C.H. Beck, Mün­chen 1993 – Ver­lags­in­fo (Beck)

Johan­nes Fried: Das Mit­tel­al­ter. Geschich­te und Kul­tur, C.H. Beck, Mün­chen 2009

Giam­pie­ro Nigro (Hrsg.): Fran­ces­co di Mar­co Dati­ni. The Man, The Mer­chant, Firen­ze Uni­ver­si­ty Press, 2010

Miche­le Luz­za­ti: Dati­ni, Fran­ces­co, in: Dizio­na­rio Bio­gra­fi­co degli Ita­lia­ni (DBI), Bd. 33, Rom 1987 – Trec­ca­ni online

Fede­ri­go Melis: L’ar­chi­vio di un mer­can­te e ban­chie­re del Tre­cen­to, in: Mone­ta e Cre­di­to, 1954

Dati­ni-Archiv /​ Archi­vio di Sta­to di Pra­to – datini.archiviodistato.prato.it

Museo Casa Dati­ni, Pra­to – museocasadatini.it

Wiki­pe­dia: Fran­ces­co Dati­nide.wikipedia.org

Michel Mol­lat: Der könig­li­che Kauf­mann. Jac­ques Coeur oder der Geist des Unter­neh­mer­tums, C.H. Beck, Mün­chen 1991

Wiki­pe­dia: Jac­ques Cœurde.wikipedia.org

Bar­ba­ra Ger­stein: Lem­berg, Tide­mann, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie, Bd. 14, 1985 – deutsche-biographie.de

Phil­ip­pe Dol­lin­ger: Die Han­se, Krö­ner Ver­lag, Stuttgart

Lui­se von Win­ter­feld: Tide­mann Lem­berg, Frie­sen-Ver­lag, Bre­men 1927

Wiki­pe­dia: Tide­mann Lem­bergde.wikipedia.org

Bank­stil-Bei­trä­ge in die­ser Reihe

Tide­mann Lem­berg – Ein Dort­mun­der Kauf­mann als Gläu­bi­ger des eng­li­schen Königs
Jac­ques Coeur – Der Gläu­bi­ger ohne Macht