Filialschließungen von Banken und Sparkassen: Ein zweischneidiges Schwert

Von Ralf Keuper

Landauf landab schließen die Banken und Sparkassen seit Jahren Filialen, was auf diesem Blog häufiger ein Thema war. Dagegen regt sich in den ländlichen Regionen zunehmend Widerstand. Der Geschäftsführer des Deutschen Landkreistages, Hans-Günter Henneke, warnte in einem Gespräch mit der SZ die Sparkassen davor, die Verankerung im ländlichen Raum zu verlieren (Vgl. dazu: Sterben der Bankfilialen: Landkreise warnen vor neuen Sparkassen-Schließungen).

Beispiele für den wachsenden Unmut in der “Fläche”, wie in Westholstein, bringt der Deutschland Funk in seiner Reportage Zukunft von Sparkassen. Filiale ade.

Fakt ist, dass die Kunden ihre Bank deutlich seltener aufsuchen, als in der Vergangenheit. Die Filiale als zentrale Anlaufstelle für Finanzangelegenheiten hat über die Jahre an Bedeutung verloren; eine Entwicklung, die sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen wird. Die Sparkassen-Finanzgruppe hat derweil eine Studie in Auftrag gegeben, die klären soll, ob Filialschließungen im ländlichen Raum tatsächlich zu Einschränkungen führen (Vgl. dazu: Wen stört es noch, wenn die Bankfiliale vor der eigenen Haustür schließt?).

Dennoch ist der Rückzug aus der Fläche mit hohen Risiken behaftet: Die Filialen waren “der” Distributionskanal für die Banken, über den sie exklusiv verfügen konnten. Im Internet ist das völlig anders: Hier sind die Banken und Sparkassen auf die Infrastruktur (Soziale Netzwerke, App Stores, Smartphones, TabletPC) potenzieller und faktischer Mitbewerber wie Google und Amazon angewiesen. Sollten Google & Co. einmal auf die Idee kommen, die Banken und Sparkassen aus ihren App Stores zu verbannen, sieht es schlecht aus. Kurzum: Der Rückzug aus der Fläche stärkt die Abhängigkeit der Banken von einer Infrastruktur, auf die sie keinen nennenswerten Einfluss haben. Ein echtes Dilemma. Die Banken und Sparkassen sind dabei, sich langsam aber sicher aus dem Markt zu navigieren. Die Branchen- und Marktlogik, der ihr Geschäft unterliegt und die sie zu akzeptieren scheinen, lässt keinen anderen Ausweg mehr zu.

Das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht für die Kunden – auch nicht im ländlichen Raum. Von Niklas Luhmann stammt der Satz:

Distanz vom Zentrum zählt als Nachteil aber nur, solange man nicht von Interaktion auf Kommunikation umsteigen kann.

Übertragen auf die vorliegende Thematik heisst das, solange die Menschen über die nötigen Kommunikationsmittel und die entsprechende Infrastruktur in der Peripherie, im ländlichen Raum, verfügen, und damit von direkter Interaktion in der Filiale auf die Kommunikation über Internet umsteigen können, ist die räumliche Distanz zum Zentrum, zu den noch verbliebenen Hauptstellen oder zu alternativen Anbietern, kein großes Problem (Vgl. dazu: Auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft). Daraus folgt auch, dass Banken und Sparkassen für die Grundversorgung in der Fläche nicht mehr und im Internet nur noch auf Zeit benötigt werden.

Eine (letzte) Chance für die Genossenschaftsbanken und Sparkassen wäre die aktive Mitgestaltung des Digitalen Dorfes (Vgl. dazu: Digitale Dörfer – Eine Chance für das Banking). Ob das allerdings mit dem derzeitigen Organisationsmodell und Selbstverständnis kompatibel ist, darf  bezweifelt werden.

Ausblick

Die Bedeutung der Filiale, wie wir sie kannten und noch kennen, wird weiter abnehmen. Sobald die Banken und Sparkassen weitestgehend aus der Fläche verschwunden sind, werden sie sich auch auf den Benutzeroberflächen langsam und stetig verflüchtigen. Nachdem dieser Prozess abgeschlossen ist, womöglich aber auch parallel dazu, werden wir eine Art Renaissance der Filiale erleben. Diese Filialen werden jedoch von den heutigen völlig verschieden sein. Betrieben werden sie von Internetkonzernen und neuen Anbietern, evtl. Fintech-Startups und Personal Data Banks oder Identity Banks.

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